Wenn Wohnen zum Luxus wird
Das Thema Armut und Wohnen ist seit 2025 Schwerpunktthema der Winterhilfe. Armut betrifft alle Lebensbereiche und wird von verschiedenen Faktoren wie Bildung, Arbeit, Wohnen, Gesundheit oder sozialen Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe bestimmt. Zwischen Armut und Wohnen besteht ein wechselseitiger Zusammenhang: Einerseits können zu hohe Wohnkosten dazu führen, dass Betroffene in die Armut abrutschen, andererseits führt Armut sehr oft zu einer schlechten Wohnversorgung. Die daraus resultierenden Konsequenzen können eine eingeschränkte Gesundheit, mangelnde soziale Einbindung und fehlende Integrationschancen umfassen.
Mietkosten oft höher als 30 Prozent des Bruttoeinkommens
Dass armutsbetroffene Haushalte und Haushalte in prekären Lebenslagen in der Schweiz von einer schlechten Wohnversorgung betroffen sind, wurde bereits im Jahr 2015 in einer Studie der FHNW aufgezeigt. Dabei wurde auch ersichtlich, dass die Hauptursache für die ungenügende Wohnversorgung eine übermässige Belastung durch zu hohe Wohnkosten ist: 82 Prozent der armutsbetroffenen Haushalte und 48.9 Prozent der Haushalte von Menschen in prekären Lebenslagen lebten im Vergleich zu ihrem Bruttoeinkommen in einer zu teuren Wohnung, da die Wohnkosten mehr als 30 Prozent des Bruttoeinkommens betrugen.
Verdrängung von Menschen mit tiefem Einkommen
Dass sich die Situation seither nicht verbessert hat, zeigt sich nicht nur in unserer Arbeitspraxis, in der wir mit zahlreichen Anfragen zur Kostenübernahme von Mietzinsen und Nebenkostenrechnungen konfrontiert sind, sondern auch in diversen wohnungsmarktrelevanten Entwicklungen. So belegen beispielsweise Studien, dass es bei energetischen Sanierungen, Renovationen und Ersatzneubauten oft zu einer Verdrängung von Personen mit tiefem Einkommen oder Armutsbetroffenen kommt. Gleichzeitig sinkt die Anzahl freier Wohnungen auf dem Wohnungsmarkt.
Leerwohnungsbestand unter 1 Prozent
Wie Anfang September 2025 vom Bundesamt für Statistik kommuniziert, ist die Leerwohnungsziffer im gesamtschweizerischen Durchschnitt auf 1 Prozent gefallen, dem tiefsten Stand seit 2013. Bei den Angebotsmieten wurde im Zeitraum von Juli 2024 bis Juni 2025 wiederum eine landesweite Erhöhung von 2.4 Prozent registriert.
Hohe Miete = wenig Geld für Lebenshaltungskosten
Bei der Prüfung der bei der Winterhilfe eingehenden Gesuchsanfragen stellen wir oft fest, dass viele Familien mit tiefem Einkommen analog zur FHNW-Studie weitaus mehr als einen Drittel ihres Einkommens für die Miete benötigen und auf dem Wohnungsmarkt mit vielen Hürden konfrontiert sind. Wenn ein Drittel oder mehr eines geringen Einkommens für Wohnkosten verwendet wird und andere Kosten, wie die Krankenkassenprämien, ansteigen, dann stehen den Menschen nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel für andere Ausgaben, wie Lebensmittel, notwendige Anschaffungen, Freizeit oder Gesundheitskosten, zur Verfügung.
Gesundheit kann leiden
Dies kann sich negativ auf die Gesundheit, soziale Teilhabe oder auf die Integrationschancen auswirken. Die Geschäftsstellen der Winterhilfe übernehmen bei ausgewiesenem Bedarf Wohnkosten, wie Mietrückstände oder unerwartete Nebenkostenabrechnungen.
Dieser Text ist ein leicht angepasster Auszug eines Referates, das im Rahmen der Armutstagung der Winterhilfe Tessin im Oktober 2025 gehalten wurde.
Quellen:
https://www.gegenarmut.ch/studien/studien-nationales-programm/detail/studie-wohnversorgung-in-der-schweiz-bestandsaufnahme-ueber-haushalte-von-menschen-in-armut-und-in-prekaeren-lebenslagen Studie aus dem Jahr 2015 zur Wohnversorgung, die 5 Dimensionen berücksichtigt: Wohnkosten (WK), Wohnungsgrösse (WG), Wohnungsqualität (WQ), Wohnlage (WL) und Wohnsicherheit: Die Messung der Wohnversorgung auf Basis des entwickelten Modells und der Daten von SILC zeigt, dass 83,5 Prozent der armutsbetroffenen Haushalte und 57,1 Prozent der Haushalte in prekären Lebenslagen (=maximal 20 Prozent über der Armutsgrenze) keine angemessene Gesamtwohnversorgung (GW) aufweisen. Armutsbetroffene Haushalte sind viermal, Haushalte in prekären Lebenslagen fast dreimal häufiger unangemessen wohnversorgt als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Suppa et al. (2019): https://www.bwo.admin.ch/de/publication?id=gzgJNGGnsK8w
Kaufmann David et al. (2023): https://www.research-collection.ethz.ch/handle/20.500.11850/603229